Warum Frauen spirituell andere Wege gehen müssen
- Marina M.

- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Es gab eine Zeit, in der ich intensiv spirituelle Literatur gelesen habe. Bücher über Loslassen, Vergeben, Dankbarkeit, inneren Frieden. Und irgendwo dazwischen hat sich immer wieder das Gefühl der leisen Gereiztheit eingeschlichen. Es wurde häufig geraten, nachgiebiger, dankbarer, selbstloser zu werden.
Ich fragte mich: Warum soll ich nachgiebiger werden? Ich bin es doch schon. Vor allem, weil diese Nachgiebigkeit mich bisher in meinem Leben nicht weit gebracht hat.
Der Gedanke, der sich langsam formte, war unbequem: Was, wenn die spirituellen Anleitungen, die ich befolgte, nicht für mich geschrieben wurden?
Dann stieß ich auf ein Video der TikTok-Creatorin @nononsensespirituality. Ihr gelang es, mein Unbehagen in Worte zu fassen. Dass Männer und Frauen auf dem spirituellen Weg oft von völlig unterschiedlichen Ausgangspunkten kommen. Dass das, was für Männer Wachstum bedeutet, für Frauen manchmal genau die falsche Richtung ist. Ich habe das Video mehrmals geschaut, es war very relatable. Dieser Artikel ist mein Versuch, diesen Gedanken weiterzudenken.
Zwei verschiedene Ausgangspunkte
Die Theologin Valerie Saiving hat das schon 1960 in ihrem Essay „The Human Situation: A Feminine View“ beschrieben. Sie hat kritisiert, dass die bedeutendsten Theologen ihrer Zeit die weibliche Perspektive ignoriert hätten.
Die klassischen spirituellen Konzepte von Sünde, Ego und Erlösung wurden von Männern definiert, für männliche Erfahrungen. Männliche Spiritualität dreht sich oft darum, Macht loszulassen, das Ego zu zähmen, verletzlich zu werden. Für jemanden, der von klein auf lernt, Raum einzunehmen, ist das echte Arbeit.
Frauen lernen das Gegenteil.
Wir lernen, zurückzutreten. Zu glätten. Zu vermitteln. Unsere Bedürfnisse hintenanzustellen.
Wir sind Meisterinnen im Selbstverlieren, lange bevor wir überhaupt ein stabiles Selbstgefühl entwickelt haben. Und dann kommen spirituelle Bücher und sagen: Lass dein Ego los. Vergib. Sei nachsichtig.
Für eine Frau, die das ihr ganzes Leben schon tut, ist das kein Weg zur Ermächtigung. Das ist die Fortsetzung der Konditionierung mit anderen Worten.
Laut Saiving bestehe die „weibliche Sünde“ eher in der Selbstverleugnung, in der Identitätslosigkeit, in der übermäßigen Abhängigkeit von anderen und in der Unfähigkeit, ein eigenständiges Selbst zu entwickeln.

Endarkenment statt Enlightenment
Was ich stattdessen brauchte - und was ich erst rückblickend so benennen kann - war das Gegenteil von dem, was mir empfohlen wurde.
Kein Aufsteigen ins Licht, sondern ein Eintauchen in den Schatten. Meine Wut. Meine Grenzen. Mein Nein.
Carl Jung hat das Konzept des Schattens beschrieben als den Teil von uns, den wir unterdrücken, weil er sozial nicht akzeptabel ist. Für Frauen ist das häufig nicht Gier oder Machtgeilheit - sondern genau das: Wut. Ambition. Raum einnehmen ohne Entschuldigung. Unsere Schatten sind oft die Teile, die wir brauchen, um ganz zu werden.
Unter dem obigen Video hat jemand diesen Prozess „Endarkenment“ genannt - ein Verdunkeln statt Erleuchten. Keine Auflösung des Selbst, sondern seine Manifestation.

Was uns wirklich stärkt
Ein kleiner Disclaimer: Es geht nicht darum, diese spirituellen Traditionen abzulehnen. Vieles darin hat echten Wert. Vielmehr sollten wir die Praktiken bewusst wählen und uns fragen:
Für wen wurde das geschrieben? Und was brauche ich als Frau wirklich?
Hier sind einige Praktiken, die ich persönlich als kraftvoll erlebt habe:
Frauenkreise
Der Austausch mit anderen Frauen in einem geschützten Rahmen kann unglaublich heilsam sein, um gehört zu werden, ohne die eigene Erfahrung für jemand anderen abzumildern. Kollektive Weisheit ist eine unterschätzte spirituelle Ressource.
Feministische Bücher
Bücher wie „Women Who Run With the Wolves“ von Clarissa Pinkola Estés oder „If Women Rose Rooted“ von Sharon Blackie haben mein Verständnis von weiblicher wilder Kraft grundlegend verändert.
Wiederentdeckung der Wut
Wut ist ein unterschätztes Gefühl. Sie zeigt, wo Grenzen verletzt wurden - von anderen oder von uns selbst. Durch Bewegung (ein Hoch auf Sprints!!!) oder stimmlichen Ausdruck (mir hilft das laute Schreien) kann die aufgestaute Energie ins Handeln transformiert werden.
Körperarbeit
Unser Körper speichert, was der Kopf verdrängt. Pilates, bewusstes Tanzen, Kraftsport, somatische Praktiken - all das hilft, wieder in Kontakt mit der eigenen körperlichen Intelligenz zu kommen. Spiritualität, die den Körper auslässt, greift für mich zu kurz.
Sichtbar werden
Wenn du etwas teilen möchtest - tu es. Die Welt braucht mehr Frauen, die ihre Stimme erheben. Dieser Blog ist mein Beitrag dazu.
Den eigenen Weg finden
Ein Gedanke aus den Kommentaren unter dem Video von @nononsensespirituality hat mich besonders getroffen - von einer Frau namens Carolinee: Sie schrieb sinngemäß, dass sie sie ihr Ego erst stärken muss, anstatt ständig „bescheiden“ zu sein.

Das hat mich lange beschäftigt. Weil es so präzise benennt, was passiert, wenn wir Anleitungen folgen, die nicht für uns gedacht waren.
Spiritualität für Frauen bedeutet für mich Manifestation des Selbst und das Ende der Selbstverleugnung. Und dann vielleicht das Transzendieren. Aber in dieser Reihenfolge.
Welche spirituellen Konzepte hast du hinterfragt? Ich freue mich auf deine Gedanken in den Kommentaren.
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